Das fragen sich in
den letzten Monaten so manche. Seit den Gezi-Protesten ist viel passiert in
diesem Land. Auch viele Türken sind mittlerweile erstaunt über ihre Mitmenschen.
Nur um verstört festzustellen, dass sie offenbar in der Minderheit sind oder es
gar vielleicht schon immer waren. Denn die Mehrheit der Türken scheint Staatspräsident
Erdoğans unglaublichen Kurs wenn auch nicht immer zu unterstützen, dann doch kritiklos hinzunehmen. Was ist bloß mit den Türken los?
Nachdem über
Monate hinweg das Justizwesen reformiert wurde, wird jetzt das Polizeiwesen von
grundauf umgekrempelt. Längere Zeiten für U-Haft und Abhören ohne richterlichen
Beschluss sind nur einige der Punkte, die die Angst vor der Exekutive schüren
wird. Zudem kommt, dass seit den Gezi-Protesten im letzten Jahr viele, die eine
Zweitausbildung hatten, aus dem Dienst ausgeschieden sind. Auf Dauer wird wer
zurückbleiben? Regierungstreue Staatsbeamte…
Staatseigentum wird verkauft als würde es irgendwo heimlich nachwachsen, antike Eigentümer werden zu Ramschpreisen verscherbelt und das Bildungssystem, das eh zu wünschen übrig hatte, wird in Blitzgeschwindigkeit islamisiert. In nur wenigen Monaten wurde die Einrichtung von Gebetsräumen bereits ab Kindergarten und Kopftuchtragen ab der 5. Klasse zugelassen. Schulbücher werden inhaltlich immer religiöser und alle staatlichen Universitäten mit Moscheen ausgestattet. Für die religiösen İmam-Hatip-Schulen überlegt man derzeit, die Unterrichtssprache komplett auf Arabisch umzustellen. Vom derzeit tagenden und als wegweisend geltenden Rat für Nationale Bildung wird eine Empfehlung zur Geschlechtertrennung an Schulen und Religionsunterricht ab Kindergarten erwartet.
Schon liest man,
dass in einem Kindergarten die Kinder “freiwillig” an einem Kurs zu Moral und
Geschichte des Propheten teilnehmen können. Nun ja, ab nächstem Schuljahr könnte
dies sogar Pflicht werden. In einer Mittelschule soll der Schuldirektor mit
Genehmigung des zuständigen Vertreters des Ministeriums für Bildung einen Imam
zur Schule bestellt haben, um das Freitagsgebet abzuhalten. Schüler, die nicht
teilnahmen, sollen als fehlend eingetragen worden sein, wofür alle gebetfreudigen
Schüler mit Speis und Trank belohnt worden sein sollen.
Dem Staatspräsidenten
ist derweil nichts mehr gut genug. Erst muss ein horrend teurer und mondäner
neuer Palast her, möglichst der größte auf Erden. Dann eine neues Gefährt und
jetzt ein Flugzeug. Womit wird dies bezahlt? Staatsschulden oder vielleicht
doch der Rentenfond, wie so manche munkeln? Geredet wird von „der ewigen
Welthauptstadt Istanbul“ und „Fußschritte des Volkes, deren Widerhall das
Gewissen in die Welt hinaustragen wird“, bei dem mir ein kalter Schauer über den
Rücken läuft.
Woran liegt es,
dass die Türken zu einer solchen Entwicklung schweigen? Zum Teil liegt es
natürlich daran, dass es kritische Pressestimmen immer schwieriger haben. Die
Angst vor Strafen ist zu groß. Da übt man sich lieber in der Sandwich-Methode.
Gleich mit prophylaktischer Entschuldigung. Entschuldigung, dass ich das jetzt so
sagen muss… Natürlich sei die Absicht eine gute, nur die Details, ach je, da
passt es nicht so richtig, die sollten nochmal überdacht werden, denn
eigentlich wäre es ja was Gutes. Hallo? Was kann man noch glauben? Entweder ist
Berichterstattung regierungstreuer als als alle bisherigen fundamentalistischen
Blätter oder eben radikal kritisch. Der
Rest hält sich raus.
Liegt es an der
Religion? Die Türken waren ja schon immer ein Volk, dass sich gerne in ihr
Schicksal “kader” einfügte. Lieber gar nicht mehr ins Netz gehen, weil da
sowieso nur Artikel zu lesen sind, die man lieber ausblenden würde. Der Einzelne
kann eh nichts ausrichten, also setzt man sich Scheuklappen auf, um nicht noch mehr
Unangenehmes zu erfahren, denn einen Ausweg daraus gibt es sowieso nicht. Leider
denken so viele.
Oder ist es die
geschichtliche Entwicklung des Landes, in dem kritisches Denken schon immer nicht
wirklich gern gesehen wurde. Zu viele Putsche haben Andersdenker zum Schweigen
gebracht. Ein auf Auswendiglernen basierendes Bildungssystem tut sich eh
schwer, kritische Denker hervor zubringen. Und dann ist da natürlich noch der
ewige und überall vorhandene Respekt vor der Hierarchie.
Wahrscheinlich
ist es eine Mischung aus allem, die einen vergeblich darauf warten lässt, dass
die Menschen in der Türkei “jetzt reicht’s aber” sagen könnten. Denn das wird
so schnell nicht passieren. Schon nach den Gezi-Protesten vergangenen Sommer
minderte sich der Protest zunehmend, obwohl der heutige Staatspräsident eine
immer deutlichere Linie fuhr. Seit diesem “heimlichen Sieg” nimmt er kein Blatt
mehr vor den Mund.
Viele trauen sich
nicht mehr öffentlich oder auch nur im weiteren Freundeskreis, sich kritisch zu
äußern. In sozialen Netzwerken schwinden zunehmend die kritischen, privaten
Stimmen. Man hat Angst angegriffen zu werden. Denn wie eine Heuschreckenplage
wimmelt es im Netz seit einigen Monaten von gesichtslosen usern, die umgehend
auf Angriff gehen. Kaum hat man einen Kommentar geschrieben, schon wird man
Opfer eines religiösen Angriffs. Vielen ist das mittlerweile zu unangenehm. Da
verzichtet man lieber ganz aufs Kommentieren oder systemkritisches Posten. Selbst
im Freundeskreis sind sich viele nicht mehr sicher. Zu viele Menschen haben
zwei Gesichter. Im Morgenland geht die Sonne unter.

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