Zum Halbjahr war ein neues Gesetz verabschiedet worden, durch das die Schuluniform abgeschafft worden war. Obwohl es erst ab dem neuen Schuljahr umgesetzt werden sollte, tragen schon jetzt in vielen Bildungsstätten die Schuler zivile Kleidung. Die Abschaffung der Schuluniform hatte für großen Wirbel gesorgt, da - zu meiner großen Überraschung - doch eine große Bevölkerungsschicht dagegen war. Man sah die Fundamentalisten mal wieder Atatürks Werk untergraben, da parallel zur Abschaffung der Schulkleidung ja Kleidung frei wählbar wurde, sprich Schülerinnen auch Kopftuch tragen können.
Da ich schon immer für die Freiheit der Kleidungswahl war, finde ich es nur demokratisch, dass man jetzt auch mit Kopfbedeckung zur Schule gehen darf. Dass allerdings gleichzeitig auch die Kleiderregelung für Lehrer aufgehoben wurde, hatten ich und mein Freund irgendwie verpasst. Seltsam, dass um die Schüler so viel Aufruhr gemacht wurde, während über die Lehrer so gut wie nicht berichtet wurde. Denn ich finde es weitaus wichtiger, ob sich Lehrer als Leitpersonen und Vorbilder sichtbar zu ihrer Religion bekennen dürfen oder nicht als Schüler. Da ich nun mal in einem islamischen Land lebe, habe ich dieses Thema immer relativ locker gesehen - weitaus liberaler als der Großteil der modernen Türken.
Mittlerweile sind ein paar Wochen vergangen. In den Medien kümmerte man sich sofort um andere Themen. Nur ich fühle mich trotz allem immer noch komisch, wenn ich die Kindergärtnerinnen mit Kopftuch sehe. Die Vorstellung, dass mein Sohn von kopftuchtragenden Erzieherinnen betreut wird, finde ich auf der einen Seite schon seltsam. Auf der anderen Seite ist es nun mal die Realität dieses Landes und in dem wachsen meine Jungs ja nun mal auf. Religiös gesehen sind unsere Damen weitaus lockerer. Während unsere kopftuchtragenden Erzieherinnen das vom Ministerium für Bildung vorgesehene Tischgebet nicht sprechen, wird es von einer kemalistischen Erzieherin in einem anderen Kindergarten vor dem Essen immer brav aufgesagt. Entscheidend ist wohl eher die einzelne Person. Man sollte sich nicht von der Kleidung beeinflussen lassen, selbst wenn es sich dabei um Kopftücher handelt.

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