22.4.13

Nationaler Stolz

Mit nationalem Stolz kam ich schon immer schlecht zurecht. Sei es nun der Patriotismus der Amerikaner oder die Vaterlandsliebe der Türken. Klar, als Deutsche bin auf diesem Gebiet wohl etwas geschädigt. Schon zu Schulzeiten wurde uns damals vermittelt, dass Nationalismus nicht wirklich gut ist. Einen Grund, stolz auf unser Land zu sein wurde uns auch nicht aufgezeigt. Eher im Gegenteil. Nun ja, bei der Vergangenheit unseres Landes ja auch kein Wunder. Schon Nationalismus ist anrüchig. Die Indoktrination an deutschen Schulen scheint wunderbar zu funktionieren. Zumindest bei mir. 

Schade, dass in meiner Schulzeit keiner erklärt hat, dass dies in anderen Ländern anders ist. Dass man in anderen Ländern Stolz auf sein Land und die Flagge ist. Dann würde ich es vielleicht nach mehr als zwei Jahrzehnten nicht noch immer seltsam finden, wenn alle an Feiertagen die türkische Flagge aus den Fenstern hängen. Oder im Kindergarten zu Beginn einer Veranstaltung die Nationalhymne gespielt wird und alle aufstehen. Vom inbrünstigen Mitsingen der meisten ganz zu schweigen. Zu meinen Zeiten in Deutschland kannte ich sowas nur von Fußballspielen.

Das Thema ist für mich jetzt wieder aktuell, da der 23. April im Kindergarten gefeiert wird. Ein Feiertag, der Gründungstag des türkischen Parlamentes und von Atatürk als Tag der Kinder ausgerufen. Es wird gesungen und getanzt, alles in allem eine recht schöne Aufführung, auf die die Kinder schon seit zwei Wochen hinfieberten. Doch zeugt das aufgesagte Gedicht der KiGa-kids vom nationalen Stolz:

Am 23 April
Wurde geboren das Parlament
Und an eben diesem Tag
Erklang die Stimme der Türken
Jedes Jahr feiern die Kinder
Dieses Ereignis mit Freude
Zu leben in Souveränität
Wenn wir zusammenarbeiten
(freie Übersetzung des Gedichtes von Sabri Cemil Yalkut)


Doch vorher wird noch eine Gedenkminute abgehalten und die Nationalhymne gesungen. Mir fällt das wirklich schwer. Eben wahrscheinlich weil ich Deutsche bin und solche Texte immer mehr oder weniger negativ ausgelegt werden. Oder bin nur ich so? Zumindest scheint es allen Deutschen, die ich kenne ähnlich zu gehen. Da es in vielen anderen Ländern nicht anders als in der Türkei läuft, schwelt in mir die Vermutung, dass nicht die anderen, sondern wir Deutsche die Seltsamen sind. Schade auch, dass unsere Altlasten uns so hypersensibilisiert haben. Etwas sensibilisieren hätte doch vielleicht auch gereicht... 

Das Bild übrigens ist vom vorherigen Feiertag, an dem es eine Veranstaltung gab: die Gründung der Republik.  

1 Kommentar:

  1. Regina, geht mir genauso, in der Tuerkei wie auch in Amerika. Die gleichen sich ja in dieser Sache bis aufs Haar (leider). Aber so langsam scheint sich auch die Sache in Deutschland zu veraendern. Ich recherchiere momentan den "neuen" Patriotismus in Deutschland, der vor allem seit 2006 an Kraft zugenommen hat. Hier sind zwei Buecher, die dich interessieren koennten:

    Constructions of European Identity-Senem Aydin-Düzgit
    German National Identity in the Twenty-First Century - Ruth Wittlinger

    AntwortenLöschen